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BVND holt Diabetes-Experten an einen Tisch

4. Expertenhearing des Bundesverbandes Niedergelassener Diabetologen e.V. (BVND)

Auf dem 4. Expertenhearing des Bundesverbandes Niedergelassener Diabetologen e.V. (BVND) in Frankfurt am Main diskutierten vergangenen Freitag engagierte Beteiligte des Versorgungsgeschehens und kritische Begleiter des gesundheitspolitischen Geschehens. Thema waren die zwei heiß umstrittenen Dauerbrenner aus dem Bereich Diabetes, DMP und DQM.

Hochkarätige Experten füllten diese beiden Abkürzungen mit Leben und legten mit ihren Ausführungen die Basis für eine lebhafte Diskussion der Anwesenden, die die Sachkomplexe Versorgungsstrukturen und ihre gesetzliche Rahmenbedingungen sowie Qualitätsmanagement in der Diabetologie in ihrer ganzen Tiefe ausleuchtete. Nicht zuletzt diese regelmäßigen Expertenhearings belegen, so Dr. med. Richard Daikeler, 2. Bundesvorsitzender des Verbands, die Kompetenz des BVND als Partner für die weitere Strukturierung im Diabetes-Bereich.

Daikeler beschwor als Organisator der Veranstaltungsreihe in seiner Eröffnungsmoderation Konstruktivität: "Es kann nicht sein, dass eine Studie, die vor 20 Jahren designt wurde, die Versorgung im Jahre 2004 bestimmt. Da sind sich alle einig. Aber darum geht es heute nicht." Auch in seiner vierten Auflage verfolgte das Expertenhearing vielmehr ein Motto, das Ko-Moderator und BVND-Vorstandsmitglied Dr. med. Jörg von Hübbenet zu Anfang der Veranstaltung im Airport Conference Center ausgab: "Es gibt heute kein Gejammer, sondern kritische und gewichtige Argumente."

Zum Thema Disease Management Programme (DMP) lieferte Simone Hartmann, Leiterin der Landesvertretung Sachsen der Techniker Krankenkasse, das erste Argument und stellte einige Ergebnisse einer Studie des Berliner IGES-Instituts über den Aufbau eines effektiven und effizienten Disease Management Programms vor. "Die knappen Ressourcen dürfen nicht länger mit der Gießkanne verteilt werden." mahnte sie eine potenzialbezogene Auswahl von Patienten für DMPs an. Hartmann kritisierte eine Politik, die von Qualitätsoptimierung redet und gleichzeitig die letzten Instrumente dazu in den Programmen beerdige. Letztlich, so war man sich einig, sei die Forderung nach einer Abkehr vom Gießkannenprinzip ein Plädoyer dafür, die Entscheidung darüber, wer von einem DMP profitiert, in die Hände von Ärzten zu legen - denn die verstehen etwas davon.

Dr. med. Hans-Martin Reuter, BVND-Vorstandsmitglied aus Jena, stellte neben den Grundlagen des DMP-Vetrags in Thüringen eine Meinungsumfrage der Initiativgruppe Mitteldeutschland DMP zu den bisherigen Erfahrungen der Hausärzte und Schwerpunktpraxen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit dem DMP Typ-2-Diabetes vor. Die Befragten äußerten sich kritisch, im Visier waren Dokumentationsaufwand und fehlende Wissenschaftlichkeit der Programme sowie eine mit ihnen einhergehende wirtschaftliche Verschlechterung.

Positiver klang da schon das Fazit von Dr. med. Walter Dresch, Mitglied im Vorstand der KV Nordrhein, der in Vertretung von deren Vorsitzenden Dr. med. Leonhard Hansen die Erfahrungen mit strukturierter Diabetiker-Versorgung zwischen Rhein und Ruhr vorstellte. "Die KV Nordrhein unterstützt DMP auch weiter.", betonte Dresch, die Programme seien letztlich im Interesse der Ärzte und Patienten. Der Grund für diese Unterstützung mag auch in den positiven Erfahrungen mit dem dortigen Strukturvertrag liegen, dessen Ergebnisse und Vorteile Dresch stolz noch einmal präsentierte.

Dr. med. Martin Lederle, Vorsitzender der AG Diabetologischer Schwerpunktpraxen Westfalen-Lippe, formulierte es in der Diskussion so: Auch Patienten, die gut eingestellt sind, sollten in ein DMP eingeschrieben werden, nämlich um die Versorgung zu halten und nicht auf das Niveau des EBM zurück zu fallen. Strukturierte Versorgung macht Sinn - wenn sie gut gemacht ist.

Der Rechtsanwalt Herbert Wartensleben traf mit einem mehr grundsätzlichem Thema den Nerv der Diskussion: Inwiefern kollidieren die gesetzlichen Vorgaben zum DMP mit dem gesetzlichen Anspruch des Patienten auf ausreichende Versorgung? Ausdrücklich kritisierte er die Tendenz der Sozialgerichtsbarkeit, dem Leistungserbringerrecht Vorrang gegenüber diesem Patientenanspruch einzuräumen, das Leistungserbringerrecht werde so zur Stellschraube, mit der Ansprüche der Patienten herunter gefahren werden könnten.

Was in der Praxis daraus gemacht wird, fürchte er viel mehr als die gesetzliche Regelung selbst, warnte Wartensleben, wie man an den Wirtschaftlichkeitsprüfungen sehe. Denn rechtlich, das machte der Stolberger Medizinrechtsspezialist klar, entscheide allein der Arzt im Rahmen der Therapiefreiheit selbstständig, welche Therapie im Einzelfall angewendet wird. Er sei nicht auf die in den DMP-Verträgen präferierten evidenzbasierten Methoden beschränkt. Schließlich trage der Arzt auch die Last der Haftung, auch bei Behandlung nach DMP.

Qualität in den Versorgungsstrukturen war schon immer ein Thema der Expertenhearings des BVND. Besonders aktuell ist das Thema angesichts der gesetzlichen Verpflichtung zu Qualitätsmanagement-Maßnahmen in der ärztlichen Praxis sowie den Diskussionen über die Zertifizierungsrichtlinien der DDG für diabetologisch tätige Einrichtungen. In Frankfurt waren auch zu diesem Sachgebiet hochkarätige Vortragende der Einladung des Bundesverbands gefolgt, die sich der Herausforderung Qualitätsmanagement von verschiedenen Seiten näherten.

Die Kassenärztlichen Vereinigungen als Dienstleister ihrer Ärzte, mit diesem Vorsatz entwickelte die KBV ein speziell auf die Anforderungen der Arztpraxis ausgerichtetes Konzept für ein QM-System. Dr. Franziska Diel vom Dezernat Versorgungsqualität und Sicherstellung der KBV stellte das Programm vor, das ab dem vierten Quartal für die Breite der Kassenärzte zur Verfügung stehen wird. "Wir wollten das in ärztlicher Hand behalten", erklärte Diel die von der Ärzteschaft durchaus kritisch beurteilte Entwicklung unter dem Dach der Selbstverwaltung.

Nachteile branchenfremder QM-Systeme sollten durch den Bezug auf den Ablauf in den Praxen vermieden werden, der irrsinnige Aufwand der Verschriftlichung und zu allgemeine, unklare Sprache seien zum Beispiel Schwachstellen des ISO-Systems, die eine teure externe Beratung beim Aufbau des Qualitätsmanagements fast unverzichtbar machten. Deutlich warnte Diel vor überstürztem Handeln: Es besteht keine Verpflichtung zur Zertifizierung eines QM-Systems, gesetzlich gefordert ist einzig dessen Aufbau. "Es gibt keinen Grund zu Panikaktionen!", erklärte die KBV-Expertin.

Dr. med. Ralf Bierwirth präsentierte die Sicht der wissenschaftlichen Fachgesellschaft und sprach über Qualitätskriterien in der diabetologischen Schwerpunktpraxis aus Sicht der DDG. Diese sind eingebettet in deren neues, dreistufiges Konzept, das ein Basiszertifikat für die flächendeckende Versorgung von Diabetikern kennt und darüber hinaus Behandlungseinrichtungen und klinische Diabetes-Zentren definiert.

Erst ab der zweiten Stufe sei ein Qualitätsmanagement gefordert, das sechs Qualitätsitems überprüfe. Diese Überprüfung, so die Konsequenz aus dem überraschenden Mitgliedervotum der letztjährigen DDG-Tagung in Bremen, werde nun nicht mehr von der DDG selbst, sondern von durch sie zugelassenen Zertifizierungseinrichtungen durchgeführt. Angesichts der Kontroversen über ein praxistaugliches Konzept appellierte Bierwirth zum Schluss seines Vortrags an die Diabetologen: "Sehen wir die Qualitätsdiskussion als Chance, die wir nutzen müssen!"

Mit dem Diabetes Qualitäts Modell DQM erläuterte Dr. med. Michael Jecht den Anwesenden zum Schluss ein Qualitätsmanagementtool für die diabetologische Schwerpunktpraxis. Es erfasse systematisch die Unterschiede zwischen dem angestrebten und den tatsächlich erreichten Leistungsresultaten, analysiere die Ursachen und leite Verbesserungen ein. Auch der Berliner Diabetologe und Mitentwickler des DQM vertrat in Frankfurt die Meinung, dass eine Anerkennung durch einen unabhängigen Dritten die Position der diabetologischen Leistungsanbieter gegenüber den Vertragspartnern und möglichen Rechtsansprüchen stärken würde.

Von Hübbenet bezeichnete die Veranstaltung zusammenfassend als Beleg dafür, dass der BVND für die weitere Strukturierung im Diabetes-Bereich ein unverzichtbarer und kompetenter Partner ist. Der Verband ist bereit, diese Kompetenz in Gespräche einzubringen, sei es mit Kostenträgern bei Verhandlungen über DMP oder Verträge zur integrierten Versorgung, sei es in der Abstimmung mit den verschiedenen Versorgungsebenen im Bereich Qualitätsmanagement.

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zuletzt bearbeitet: 17.02.2004 nach oben

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