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Heutige Chronikerprogramme: kaum wirksam, nicht effizient

Sie kosten viel und bringen wenig.

Berlin, 2. Dezember 2003. Sie kosten viel und bringen wenig - die Behandlungsprogramme für chronisch Kranke in ihrer heutigen Konstruktion sind enttäuschend. Statt nach dem "Gießkannenprinzip" zu verfahren, sollten die Programme stärker die Verhaltensänderung in den Mittelpunkt stellen und sich auf diejenigen Patienten konzentrieren, bei denen Behandlungserfolge zu erwarten sind. Zu diesem Schluss kommt ein Gutachten des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK), das heute in Berlin vorgestellt wurde.

Es basiert auf einer bisher einmaligen Analyse der Versorgungssituation von Patienten, die an Typ-2-Diabetes ("Alterszucker") leiden, und untersucht, wie hoch der gesundheitliche Nutzen einer optimierten Versorgung für die Erkrankten ist. Denn: Die Patienten haben ein erhöhtes Risiko, Folgekrankheiten oder Komplikationen zu erleiden - zum Beispiel Schlaganfälle, Herzinfarkte, Nierenschäden, Amputationen oder Erblindungen.

IGES-Direktor Professor Dr. Bertram Häussler: "Selbst wenn es gelingt, langfristig die medizinischen Zielwerte der Patienten zu erreichen, kann nur für einen geringen Teil ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt vermieden werden." Um dies überhaupt zu erreichen, müsste nicht nur die Arzneitherapie der Risikofaktoren Bluthochdruck und erhöhte Blutfettwerte verbessert werden. Im Zentrum einer solchen intensivierten Versorgung müssten vielmehr tief greifende und nachhaltige Veränderungen des oft ungesunden Lebensstils der Patienten stehen. Und es sollten nur solche Patienten darin eingeschlossen werden, die derzeit ungenügend behandelt werden und die das Potenzial für Behandlungserfolge haben. Häussler: "Nach unseren Berechnungen trifft das allerdings nur auf jeden achten Betroffenen zu. Die gegenwärtigen Regelungen zielen jedoch darauf ab, möglichst viele Patienten in Programme einzubeziehen, in denen nicht die Bekämpfung von Risiken im Vordergrund steht, sondern vorwiegend deren Dokumentation. Der medizinische Nutzen dieser Strategie ist nicht zu erkennen."

Laut Häussler müssten für eine intensivierte Diabetiker-Betreuung, bei der verhaltensändernde Maßnahmen im Vordergrund stehen und die sich auf Patienten beschränkt, bei denen Erfolge zu erwarten sind, jährlich etwa 260 Millionen Euro investiert werden. Den Einspareffekt bezifferte er auf 120 Millionen Euro pro Jahr. Da auch bei solch verbesserten Chronikerprogrammen davon auszugehen sei, dass die Aufwendungen dauerhaft höher sind als die Einsparungen, plädiert Häussler für eine finanzielle Förderung, die sich auf die Programmkosten beschränkt und bei der nicht - wie zurzeit - auch Leistungsausgaben angerechnet werden. "Es kommt darauf an, die Anreize so zu setzen, dass die Aufnahme in aufwändige Programme nur für Patienten erfolgt, die davon profitieren. Daher sollten die Programme anders als heute nicht mit dem Risikostrukturausgleich verwoben werden. Wir plädieren für einen Fonds, in den jede Krankenkasse einen einheitlichen Euro-Betrag je Mitglied einzahlt. Die Auszahlung sollte als Fixbetrag je eingeschriebenem Versicherten erfolgen - mit Zuschlägen, wenn besondere Qualitätsanforderungen erfüllt werden."

Dr. Manfred Richter-Reichhelm, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), kommentierte das Gutachten und die Disease-Management-Programme (DMP) heutiger Prägung aus ärztlicher Sicht: "Weil die Kassen für jeden Patienten, der sich in ein solches Behandlungsprogramm einschreibt, viel Geld aus dem Risikostrukturausgleich bekommen, setzen sie alles daran, die Einschreibequoten hochzutreiben. Deshalb kündigen sie bisherige Schulungs- und Betreuungsprogramme für solche Diabetiker, die sich nicht in ein DMP eingeschrieben haben. So geraten Ärzte in ein Dilemma: Auch wenn es medizinisch nicht bei jedem Patienten sinnvoll oder möglich ist, steht der Doktor vor der Alternative: DMP mit Schulung und zusätzlichem Geld für Einschreibung und Dokumentation oder keine Schulung oder Schulung 'light' für seinen Diabetiker. Das hat wenig mit der ärztlichen Aufgabe zu tun, die Situation eines jeden Patienten individuell zu beurteilen."

Für Dr. Christoph Straub, Mitglied des TK-Vorstandes, zeigt das IGES-Gutachten den zentralen Webfehler der heutigen Chronikerprogramme: "Sie sind fehlgeleitet und überfrachtet. Das führt zu 'Masse statt Klasse' und ist medizinisch und ökonomisch falsch. Nur die Entkoppelung vom Risikostrukturausgleich zugunsten der finanziellen Förderung über einen Fonds würde das Augenmerk wieder darauf lenken, dass die richtigen Patienten in ein solches Behandlungsprogramm kommen - nämlich die, die voraussichtlich einen gesundheitlichen Nutzen davon haben und die dann auch intensiv betreut werden. Das ist der Weg, der den Patienten wirklich hilft."

Das Gutachten steht auf der IGES-Homepage (www.iges.de) sowie auf der Homepage der TK (www.tk-online.de) zum Download zur Verfügung.

zuletzt bearbeitet: 02.12.2003 nach oben

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