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Versorgung chronisch Kranker verbessern

Rede von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt anläßlich einer BKK Tagung.

Ulla Schmidt anlässlich einer BKK Tagung

Sehr geehrter Herr Schmeinck,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

das Thema Disease-Management wird schon seit langem intensiv diskutiert. Verschiedene Krankenkassen wie auch der BKK Bundesverband handeln bereits. Sie bereiten die Umsetzung solcher Programme in die Praxis vor. Deshalb habe ich gerne zugesagt, auf dieser Tagung zum Thema Versorgung chronisch Kranker Stellung zu nehmen.

Grundlinien der Gesundheits-Politik

Wir haben eine leistungsfähiges Gesundheitssystem, um das uns viele Länder beneiden.

Das Gutachten des Sachverständigenrats, dessen dritter Band vor wenigen Tagen vorgelegt wurde, belegt aber auch Defizite in unserem Gesundheitssystem.

Defizite gibt es vor allem im Bereich der Zusammenarbeit zwischen den Leistungserbringern in den verschiedenen Sektoren. Dies wirkt sich direkt auf die Versorgung chronisch Kranker aus. Die großen Volkskrankheiten, die der Rat genauer untersucht hat, verursachen rund zwei Drittel der Ausgaben im Gesundheitswesen. Sie sind also ein zentraler Ansatzpunkt für die Gesundheitspolitik. Die größten Defizite liegen in der Versorgung chronisch Kranker. Hier müssen wir ansetzen. Denn wir leben in einer Gesellschaft in der - zum Glück - immer mehr Menschen immer älter werden. Damit wächst auch die Bedeutung chronischer Erkrankungen.

Eine Ursache für Fehlentwicklungen, die sich über Jahre hinweg aufgebaut haben, sind auch falsche Anreize in der Finanzierung des Systems. In der Vergangenheit wurde ein Ausweg aus den steigenden Kosten vor allem in der Budgetierung gesehen. Die Erfolge waren jedoch gering, wie vor allem der Arzneimittelsektor belegt. Was wir stattdessen brauchen, sind strukturelle Veränderungen, die an den Ursachen ansetzen und konsequent mit klaren Zielen und langem Atem die Umsteuerungen realisieren, die notwendig sind. Wir wollen mehr Qualität und das bedeutet, die Medizin muss sich an dem ausrichten, was wissenschaftlich anerkannt als gute Therapie gilt und u. a. in entsprechenden Leitlinien festgelegt wird.

Angesichts der Komplexität in der Medizin kann der einzelne Therapeut die Möglichkeiten und Notwendigkeiten, die Chancen und Grenzen bestimmter Diagnosen und Therapien gar nicht mehr alleine präzise erfassen. Deshalb brauchen wir eine Orientierung an allgemein-gültigen Standards. Deshalb müssen wir zügig eine evidenzbasierte Medizin anstreben. Zu einer evidenzbasierten Medizin gehört notwendigerweise auch eine Umgestaltung des Entgeltsystems. Im Krankenhausbereich sollen in Zukunft nicht nur Kosten erstattet werden, sondern es müssen Preise für bestimmte Leistungen festgelegt werden. Dabei muss die Orientierung am medizinisch Notwendigen erhalten bleiben.

Gleichzeitig müssen Maßnahmen ergriffen werden, die die Qualität fortlaufend verbessern, sicherstellen und im System selbst implementieren helfen.

Nur so wird es uns gelingen, die gesetzliche Krankenversicherung zukunftssicher weiterzuentwickeln und das Vertrauen der Menschen in unsere Gesundheitsversorgung wiederherzustellen.

Unsere Ziele lauten kurz zusammengefasst:

Dies setzt voraus, in allen Bereichen unseres Gesundheitswesens so umzusteuern, dass eine bessere Versorgung chronisch Kranker erreicht wird.

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Disease-Management-Programme

Ein wichtiger Ansatzpunkt sind Disease-Mangement-Programme. Einzelne Kassen sind bereits erste Schritte in diese Richtung gegangen. Wir haben nun die Grundlagen dafür geschaffen, dass in Zukunft verstärkt solche Programme angeboten werden. Für Patientinnen und Patienten im Rahmen dieser Programme sollen Behandlungs- und Betreuungsprozesse besser aufeinander abgestimmt werden. Nicht mehr die isolierte Einzelerkrankung steht im Mittelpunkt, sondern alltagsrelevante Gesundheitsprobleme und funktionelle Einschränkungen. Es geht darum kranke Menschen in ihrer sozialen, familiären, kulturellen Situation zu sehen und ihnen entsprechend zu helfen.

Dies setzt eine Zusammenarbeit über institutionelle Grenzen hinweg voraus und die Orientierung aller Akteure an wissenschaftlich gesicherten Leitlinien. Um den Kassen verstärkt Anreize zu bieten, solche Programme einzuführen, haben wir sie mit der Reform des Risikostrukturausgleichs verknüpft.

Bislang wurde beim Risikostrukturausgleich ein wesentlicher Faktor nicht ausreichend berücksichtigt. Der Gesundheitszustand der Versicherten.

Dies führte in der Vergangenheit zu Wettbewerbsverzerrungen. Das wollen wir ändern. Künftig erhalten Krankenkassen mehr Geld für Versicherte, die sich in Disease-Management-Programme einschreiben. An diese Programme werden hohe Anforderungen gestellt. Sie müssen qualitätsgesichert sein. Ich gehe davon aus, dass ca. 1,8 Mio. chronisch kranke Menschen hiervon profitieren werden.

Mittelfristig wird ab 2003 für besonders teure Risiken ein Risikopool eingeführt. Besonders hohe Aufwendungen (über 40 TDM) werden anders als heute zwischen den Kassen verteilt. Dies wird besonders die Krankenkassen entlasten, bei denen viele teure Patientinnen und Patienten versichert sind.

Und spätestens ab 2007 werden Gesunde und Kranke bei den Ausgleichszahlungen im Risikostrukturausgleich unterschiedlich berücksichtigt (morbiditätsorientierter RSA).

Wir wollen den Wettbewerb. Es wird aber in Zukunft ein Wettbewerb der Krankenkassen um eine gute Versorgung chronisch kranker Menschen und nicht länger um Junge und Gesunde sein.

Hausarzt als Lotse

Die Disease-Management-Programme sind eng verknüpft mit einem anderen Reformschritt, nämlich den Hausarzt als Lotsen im Gesundheitssystem zu etablieren. Mit der Gesundheitsreform 2000 haben wir es den Krankenkassen bereits ermöglicht, Hausarztmodelle einzuführen. Denn wir alle wissen, dass es Patientinnen und Patienten gibt, die mit ihrer Chipkarte von Arzt zu Arzt gehen, obwohl das medizinisch nicht notwendig ist. Das ist nicht nur teuer, sondern dient auch nicht dem Behandlungserfolg. Deshalb brauchen wir einen Lotsen, der die Patientinnen und Patienten durch das Gesundheitswesen schleust.

Diese Funktion kann am ehesten der Hausarzt bzw. die Hausärztin übernehmen. Denn er kennt nicht nur die Patientinnen und Patienten, sondern auch das Angebot auf dem Gesundheitssektor. Ich halte es deshalb für sinnvoll, dass Patientinnen und Patienten möglichst zuerst ihren Hausarzt aufsuchen. Hierfür könnte ich mir finanzielle Anreize, wie z.B. einen Rabatt für die Patientinnen und Patienten, die sich daran halten, vorstellen. Wenn die Kassen die gesetzlichen Möglichkeiten nicht nutzen, ist hier über neue, verbindlichere Regelungen nachzudenken.

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Prävention

Wenn wir chronischen Erkrankungen wirklich wirksam entgegentreten wollen, dann müssen wir außerdem unsere Bemühungen in der Prävention verstärken. Prävention muss selbstverständlich Teil der Disease-Management-Programme sein. Ebenso muss Prävention in der hausärztlichen Versorgung in Zukunft eine größere Rolle spielen.

Dabei müssen wir Prävention in einem umfassenden Sinn begreifen, von der allgemeinen Förderung der Gesundheit bis hin zur Verhinderung eines Fortschreitens der Krankheit. Prävention trägt nicht nur dazu bei, Folgekosten zu vermeiden. Prävention erspart den Menschen Schmerzen und Leiden. Wenn wir uns mit anderen Ländern vergleichen, dann müssen wir leider feststellen, dass wir in Deutschland im Bereich der Prävention Defizite haben. Hier müssen wir ansetzen.

Nachdem Herr Seehofer Leistungen der Gesundheitsvorsorge abgeschafft hatte, haben wir diese falsche Weichenstellung wieder rückgängig gemacht. Krankenkassen können z. B. bestimmte Präventionsleistungen und Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsvorsorge wieder bezahlen. Es gibt bereits viele nachahmenswerte Beispiele einzelner Krankenkassen. Dabei hat sich gezeigt, dass Prävention vor allem dann erfolgreich ist, wenn gezielt bestimmte Gruppen angesprochen werden, die z. B. in einer ähnlichen Situation leben oder ähnliche Vorerkrankungen haben. Der "Runde Tisch" hat sich mit dem Thema Prävention sehr intensiv beschäftigt und ein Gesamtkonzept erarbeitet. Damit kann es uns in Zukunft gelingen, die vorhandenen Präventionspotentiale besser auszuschöpfen.

Schluss

Meine Damen und Herren,

unser gemeinsames Ziel, die Versorgung chronisch Kranker in Deutschland endlich zu verbessern, werden wir nur erreichen, wenn auf allen Ebenen des Gesundheitswesens ein Paradigmenwechsel erfolgt. Einige konkrete Ansatzpunkte habe ich genannt. Ich bin sicher, dass wir schon in kurzer Zeit deutliche Fortschritte erzielen werden. Ebenso wichtig ist jedoch, das Denken in den Köpfen aller Beteiligten im Gesundheitswesen zu verändern. "Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann." Wusste schon Francis Martinez de Picabia.

Neues Denken - das heißt für mich: die Patientinnen und Patienten und ihre besonderen Bedürfnisse müssen im Mittelpunkt stehen, und nicht die Institution oder das Verfahren. Daran können alle mitarbeiten, wo auch immer sie im Gesundheitswesen tätig sind.

Rede von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt anlässlich der BKK Tagung am 24.9.01 "Versorgung chronisch Kranker verbessern - Politische Ziele der Bundesregierung".

Quelle: Bundesministerium für Gesundheit.

zuletzt bearbeitet: 25.09.2001 nach oben

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